Willkommen in den Virien!

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Wer nicht zur Schule geht, soll trotzdem Hausaufgaben machen!

Das Leben geht weiter, trotz Virus-Ferien, sagt der HAG-Oberstufenkoordinator Bastian Schulz im Hintergrund-Gespräch mit dem NewsHAG – Alles, was man wissen muss!

Foto: Stefanie Schuster

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Das gab´s noch nie in der Geschichte Brandenburgs – und noch nie in Deutschland: Eine mehr als fünfwöchige Befreiung von der Anwesenheitspflicht in der Schule, um die Ausbreitung einer Pandemie zu verhindern. Das Corona-Virus, das sich mit mehrwöchiger Verspätung nun auch in Brandenburg breit macht, soll so wirksam in seiner Ausbreitung begrenzt werden. Und so ist die Verbannung der Schüler aus den Klassenräumen jetzt auch nicht das reine Vergnügen. Nein, es drohen Virien. Also: Zu Hause bleiben, möglichst wenig mit anderen Menschen zusammentreffen – und Hausaufgaben machen, bis der Kopf qualmt.

Mitten in den Vorbereitungen zu dieser Herausforderung findet der Oberstufenkoordinator Bastian Schulz aber auch noch Zeit, um der News HAG zu erklären, was jetzt geplant ist.

Herr Schulz, warum wird die Schule jetzt eigentlich geschlossen?
Die Schule wird geschlossen, weil die Vertreter der Länder sich in der vergangenen Woche in der Kultusministerkonferenz gefragt haben: Wie gehen wir in den Schulen mit dem Coronavirus um – und  wie dämmen wir die Verbreitung ein? Das Resultat: Die Landesregierung Brandenburg hat entschieden, die Schulen bis zum Ende der Osterferien zu schließen.

Seit wann wussten Sie von den Plänen, die Schule zu schließen?
Wir wussten seit Freitag davon. Die Dynamik hat uns aber überrascht in den vergangenen anderthalb Wochen. Die Lage hat sich sehr schnell geändert.

Welche Folgen hat denn die Schließung eigentlich für die Schüler?
Für die Schüler hat das zur Folge, dass sie nun von zu Hause aus beschult werden und dort ihren Unterrichtsstoff lernen müssen. Und ihre Sozialkontakte werden geringer. Das ist natürlich die erwünschte Folge. Ich denke, sie langweilen sich nicht zu sehr. Zu Hause müssen sie sich und ihr Lernen selbst organisieren: Ihre Arbeits- und Pausenzeiten, ihren Feierabend einhalten – und sie dürfen auch nicht 24 Stunden lang nichts machen.

Gibt es eine Vorgabe die besagt, wie viele Aufgaben die Lehrer den Schülern mitgeben dürfen? Oder: Müssen?
Es gibt dafür tatsächlich keine Vorgaben! Eine Verwaltungsvorschrift empfiehlt lediglich die Hausaufgabenmenge bei regulärem Unterrichtsbetrieb, aber den haben wir jetzt ja nicht. Es gibt ein Rundschreiben vom Ministerium, das uns dazu verpflichtet, den Schülern Aufgaben zukommen zu lassen. Wir haben uns daher im Kollegium darauf geeinigt, dass wir einen ähnlichen Stoff-Umfang zur Verfügung stellen, wie ihn die Schüler während des Unterrichts zu absolvieren hätten. Wenn also vier Stunden Mathematik ausfallen, dann sollen sie einen ähnlichen Umfang an Aufgaben erhalten. Aber weil sie sich das selbst erarbeiten müssen und kein Lehrer vor ihnen steht, um ihnen das Vorgehen zu erklären, bekommen sie ein paar Aufgaben weniger, die in Heimarbeit bearbeitbar erscheinen. Die Schüler müssen das neue Wissen ja ganz allein durchdringen.

Kann man denn in dieser Zeit zu Hause ernsthaft etwas Neues lernen? Oder bestenfalls den Stoff wiederholen?
Wiederholenist ja immer gut – auch die Diskussion des Unterrichts kann man ja auf diesem Weg vertiefen. Und ich habe eigentlich keine Sorge, dass die Schüler nicht allein etwas Neues lernen können: Sie schaffen das ja auch, allein neue Apps aus dem Internet herunterzuladen und sich PC-Spiele beizubringen – dann geht das Neulernen in anderen Gebieten bestimmt auch. Aber ganz ernsthaft: Wir wollen unseren Schülern ja ohnehin das eigenständige Lernen beibringen – das geht ja auch nach dem Schulabschluss weiter. Lernen hört nie auf!

Wie kommen die Schüler denn zu ihren Aufgaben?
Die Aufgaben werden über unser Programm EduPage zur Verfügung gestellt. Die Kollegen handhaben das ganz unterschiedlich: Manchmal gibt´s nur einen Hinweis, welche Aufgaben im Lehrbuch zu bearbeiten sind, manchmal Links zu Materialien, manchmal Mini-Aufgaben, die auf die Seite gestellt werden. Ich selbst habe ganz unterschiedliche Aufgaben hochgeladen. Bei den siebten Klassen wird kleinteiliger durch die Wochen geführt, die zehnten Klassen können natürlich schon komplexere Aufgaben bewältigen.

Das ist ja eine Menge Arbeit!
Wir langweilen uns auch nicht bei der Vorbereitung.

Haben denn alle Schüler dieser Schule Zugang zum Internet?
Ja – ich gehe ganz stark davon aus. Wenn nicht, dann werden sich die Eltern sicherlich bei uns melden. Falls es Probleme geben sollte, würden wir natürlich Rücksprache halten, aber wir haben noch nichts Gegenteiliges gehört.

Können sich die Schüler denn eigentlich bei Ihnen melden, wenn sie noch Fragen zum Stoff haben?
Ja. Unser Ziel ist, die Schüler trotz allem möglichst eng zu begleiten. Das geht über unsere Lernplattform sehr gut. Wenn die Schüler eine Aufgabe erledigt haben, müssen sie einen Button anklicken: Aufgaben vollständig bearbeitet – dann bekommen die Lehrer die Rückmeldung und können sie kontrollieren. Die Lehrer können auch eine Rückmeldung einfügen: Bitte schick mir die konkreten Ergebnisse; das geht ganz leicht per E-Mail-Anhang. Die Schüler können die Lehrer darüber hinaus einzeln anschreiben und ihre individuellen Fragen stellen. Wir sind sehr bemüht, die Schüler auch aus der Ferne gut zu betreuen. Und mit EduPage sind wir digital gut aufgestellt. Das Programm musste nicht einmal erweitert werden dafür. Dennoch stehen wir in engem Kontakt mit dem Anbieter, falls es irgendwo hakt. Das können wir jetzt alles herausfinden.

Können Sie eigentlich sicherstellen, dass die Schüler ihre Aufgaben allein lösen?
Nö, das wollen wir eigentlich gar nicht. Lernen ist ein soziales Ereignis. Die Empfehlung des Ministeriums lautet aber, dass die Schüler soziale Kontakte möglichst einschränken sollen. Wahrscheinlich werden sie also ohnehin mehr allein lernen müssen als im Unterricht – hier in der Schule wird im Unterricht ja viel in Partner- und Gruppenarbeit gelöst. Sollten die Schüler allerdings auf die Idee kommen, die sozialen Medien zu nutzen, um sich digital „zu treffen“, begrüßen wir das natürlich. Schüler können sich häufig sehr gut gegenseitig zielführende Erläuterungen und Erklärungen zu den Aufgaben geben.

Denken Sie auch an Skype-Unterricht?

Nein, das machen wir nicht! Dann müssten wir ja von allen Schülerinnen und Schülern verlangen, dass sie einen Skype-Zugang haben. Skype wäre interessant und schön – aber auch zu viel Datenvolumen, wenn das alle Schulen in ganz Brandenburg machen wollten. EduPage bietet das bislang nicht an, wohl aber eine Chatfunktion. Wir wollen daher in den kommenden Wochen Versuche starten, ob sich Life-Chats eignen. Das müssen wir noch herausfinden.

Wie viele Stunden sollten sich die Schüler denn jeden Tag hinsetzen um zu lernen?
Wir wollen den Bildungsauftrag, so gut es geht, ausfüllen – wenn also ein Schüler sechs Stunden Unterricht am Tag hätte, dann sollte die Zeit auch effektiv und effizient dafür genutzt werden. Einige Schüler haben mich gefragt, ob sie die Aufgaben nicht auch alle an einem Tag erledigen könnten. Das schafft man natürlich nicht und es wäre nicht gut: Das Gehirn braucht auch Pausen. Manchmal steht hinter den Arbeitsplänen „Tages-oder „Wochenaufgabe“, um genau das zu gewährleisten. Wir bieten den Schülern damit Strukturierungshilfen und hoffen, dass sie sich daran halten. Aus dem gleichen Grund haben wir auch daran erinnert, Mittagspausen einzulegen – die haben sie hier ja auch.  Das ist wichtig.

Und früh aufstehen – ist das auch wichtig? Oder beginnt jetzt ein Feldversuch, bei dem noch mal überprüft werden kann, ob späterer Unterrichtbeginn wirklich dem Lernenden hilft? Als leidenschaftlicher Spätaufsteher freue ich mich über die Experimente, Versuche und Erfahrungen, die unsere Schüler in den kommenden Wochen sammeln. Für eine konstruktive und kritische Ergebnisdiskussion stehe ich gern bereit. Wichtig ist aber eins: Die Schüler müssen sich eine klare Struktur geben, die sie auch einhalten. Die kann bei einem um 8 Uhr morgens beginnen, bei einer anderen dagegen um 10 Uhr

Gibt es eigentlich auch Haus-Aufgaben für Kunst und Sport?
Ja, tatsächlich! Eine Kollegin hat ihren Schülern aufgegeben, Youtube-Videos anzusehen und Fitnessübungen zu machen: Dehnungen und Yoga, so etwas. Das ist eine tolle Idee!

Werden nach dieser Aussetzung des Unterrichts andere freie Tage gestrichen, um die verlorene Unterrichtszeit wieder reinholen zu können?
Dazu haben wir bislang keine Infos – bis jetzt nicht.

Darf man auch Lehrerinnen und Lehrer anrufen?
Wenn die Schüler die Nummer haben – dann vielleicht. Aber ich finde, EduPage ist eine sehr gute Kommunikationsplattform, die vieles abdeckt.

Dürfen Sie eigentlich auch ins Homeoffice gehen?
Wir haben Dienstpflicht. Das heißt, dass die Lehrkräfte verfügbar zu sein haben und den gesetzlichen Bildungsauftrag, so gut es geht, umsetzen sollen. Wir sollen hier laut Ministerium eine sinnvolle Regelung treffen, die es ermöglicht, unsere Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Dazu ist manchmal die Schule der richtige Ort und manchmal der heimische Arbeitsplatz. Einige Kollegen haben beispielsweise kleine Kinder, die sie betreuen müssen. Es ist vollkommen klar, dass hier das Homeoffice der beste Arbeitsort ist.

Dürfen sich Schüler in Lerngruppen treffen?
Wir haben die Schule geschlossen, weil wir dazu aufgefordert wurden – was sie im Privaten machen, kann man nicht kontrollieren. Aber sie sollten generell nach anderen Möglichkeiten schauen als sich zu treffen. Sie sind ja ohnehin meist auch auf anderen Wegen gut vernetzt.

Wird es weniger Noten geben, weil auch die Unterrichtszeit kürzer ist?
Klar! Es wird in dieser Zeit, wo die Schüler zu Hause arbeiten, keine Benotung stattfinden. Wir könnten ja auch nicht gewährleisten, dass die Schüler ihre Aufgaben alleine machen. Selbst bei Online-Vokabeltests müssten wir ja Aufsicht führen um zu verhindern, dass Hilfsmittel verwendet werden. Und auch bei Gruppenprojekten, die jetzt vorbereitet werden, müsste die Benotung danach stattfinden, wenn sie präsentiert werden.

Gibt es eigentlich auch irgendetwas, was Sie selbst in dieser Zeit positiv finden?
Ich würd´s besser finden, es gäbe kein Virus – aber ich sehe diese Zeit jetzt auch nicht total negativ. Wir haben eine Situation, mit der man konstruktiv umgehen muss. So ist auch die Haltung des Kollegiums. Alle sind sehr optimistisch und haben sich auf die Situation eingestellt. Und nach der Schließung der Schulen geht´s dann schon weiter.

Besten Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Stefanie Schuster.

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